Nutzen statt Abschalten – Emissionsfreie Wärme für ein ganzes Dorf in Brandenburg


10. März 2020

Nutzen statt Abschalten – Emissionsfreie Wärme für ein ganzes Dorf in Brandenburg

Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit

Ein Beitrag von ENERTRAG AG

Das Prinzip „Nutzen statt Abschalten“ haben die eine oder der andere sicherlich schon einmal in einer energiepolitischen Diskussion gehört. So beschreibt der einprägsame Slogan, wie man bestmöglich eine Abregelung von Windenergieanlagen durch den Netzbetreiber verhindert und die abzuregelnde Energiemenge stattdessen sinnvoll nutzt.

Abregelungen kommen zustande, wenn an windreichen Tagen mehr Energie erzeugt wird als ins Stromnetz eingespeist werden kann, so dass die Anlagen vom Netzbetreiber stellenweise etwa wöchentlich abgeregelt werden. Bis zu 5 Prozent des Windstroms gehen so verloren. Egal wie das Netz ausgebaut wird – an windreichen Tagen gibt es weder genug Netzkapazitäten noch genug Abnehmer für die Spitzenenergie. Ein Netzausbau wäre nicht effizient, denn die Spitzen treten nur wenige hundert Stunden im Jahr auf. Ebenso wäre ein Netzausbau auch nicht zielführend – denn was nützt das Netz, wenn am anderen Ende kein Verbraucher mehr Strom benötigt? Energiespitzen können und müssen also vor Ort genutzt werden!

Power-to-Heat mittels Windwärmespeicher

Quelle: ENERTRAG AG

Im brandenburgischen Nechlin hat ENERTRAG in diesem Jahr den weltweit ersten Windwärmespeicher in Betrieb genommen und die ideale Nutzungsform für „Abregelstrom“ gefunden: Das benachbarte Windfeld liefert an besonders windigen Tagen den erneuerbaren Strom, der nicht in das Stromnetz eingespeist werden kann, über eine Direktleitung zum Windwärmespeicher. In dieser Power-to-Heat Anlage erwärmen Heizstäbe wie in einem Durchlauferhitzer rund eine Million Liter Wasser auf bis zu 93 Grad Celsius, das dann bedarfsgerecht in das örtliche Nahwärmenetz abgegeben wird. Auf diese Weise kann der jährliche Heizbedarf von 35 Häusern in Höhe von 700 MWh mit nur einem Prozent der Stromerzeugung aus dem Windfeld abgedeckt werden. Bei starkem Wind benötigt der Speicher nur wenige Stunden zum Aufheizen und kann das Dorf pro Abregelung danach bis zu zwei Wochen vollständig mit Wärme versorgen. Die Windwärme aus Nechlin ist hundertprozentig CO2-frei und günstiger als Öl- oder Gasheizungen. Mit Windwärmespeichern wie in Nechlin können zukünftig tausende Gemeinden und Städte mit erneuerbarer Wärme versorgt und die Akzeptanz für günstige Windenergie an Land gefördert werden.

Riesiges Potential durch die Nutzung von Windenergiespitzen im Wärmesektor

Im Jahr 2018 wurden insgesamt 5,4 Milliarden KWh Strom aus erneuerbaren Energien in Deutschland abgeregelt. Zur Illustration: Mit einer Energiemenge dieser Größenordnung könnte in kürzester Zeit bis zu einer Million Menschen mit CO2-freier Raumwärme beliefert werden. Anstatt also große Mengen Energie abzuregeln, könnten die Windenergiespitzen auch im Wärmesektor eingesetzt werden und eine Anrechnung der CO2-Minderung auf die Gebäudeenergie-Bilanz in Deutschland erfolgen. Hierdurch können auch die gegenwärtigen und drohenden EU-Strafzahlungen im Zuge der Verfehlung der sektorspezifischen CO2-Minderungsziele im Wärmesektor abgefedert und der Bundeshaushalt insgesamt entlastet werden. Der Windwärmespeicher zeigt, dass dieser Strom vor Ort zur Wärmeerzeugung genutzt werden kann und soll. Denn die Windenergieanlagen werden besonders häufig im Winter abgeregelt, genau dann, wenn die Heizungen in den Häusern am meisten Wärme bereitstellen müssen.

Rechtliche Änderungen entscheiden über die Zukunft von Power-to-Heat-Projekten

Die gegenwärtigen EEG-Bestimmungen sehen vor, dass im Abregelfall die verlorenen Windenergiemengen voll entschädigt werden. Wenn aber dieselbe Windenergie für die örtliche Wärmeversorgung genutzt wird, entfällt nach Ansicht der BNetzA die Entschädigung und die EEG-Umlage ist zu zahlen. Diese ist allerdings höher als der Verkaufspreis der Wärme. Der derzeitige Rechtsrahmen verhindert also hocheffiziente Lösung wie Windwärmespeicher. Stattdessen führt er zur Energieverschwendung und mehr CO2-Emissionen.

Auch die Realisierung des Nechliner Windwärmespeichers wurde nur durch die rechtlichen Sonderregelungen, die das Bundeswirtschaftsministerium im Rahmen des SINTEG-Förderprogramms für die SINTEG-Schaufensterprojekte (WindNODE-Netzwerk) zeitlich begrenzt geschaffen hat, ermöglicht. Ohne diese Sonderregeln darf der Strom aus Anlagen, die abgeregelt würden, für PtX-Projekte nicht genutzt werden. Damit nach dem Ende des SINTEG-Programms ab 31.02.2020 Windwärmespeicher weiter betrieben werden können, müssen faire Bedingungen geschaffen werden. Investitionen zur Umsetzung des Prinzips „Nutzen statt Abschalten“ werden in Zukunft also nur dann tragfähig sein und zu Folgeinvestitionen in Wärmelösungen führen, wenn eine EEG-Befreiung für abgeregelten Strom zur Wärmenutzung ermöglicht wird. Um eine Wärmewende weg von fossilen Energieträgern einzuleiten, sind faire Marktbedingungen durch eine Reform des Abgaben- und Umlagesystems erforderlich.

Die Vorteile für die Nutzung von Windwärmespeichern liegen auf der Hand: Sie leisten einen großen Beitrag für die Windenergie an Land, da jeder Haushalt in der Nähe von Windenergieanlagen einen direkten (finanziellen) Nutzen hat. Gemeinden können eine 100-prozentige CO2-freie Wärmelösungen anbieten, ohne dass hohe Investitionskosten für den einzelnen Bürger anfallen. Deutschlandweit sind genug Windkraftanlagen vorhanden, um schnell zahlreiche Windwärmespeicher zu realisieren.

Eine ausführliche Beschreibung des Windwärmeprojektes mit Videomaterial kann auf der Webseite von Enertrag sowie auf der offiziellen Seite des Projektes Windnode eingesehen werden.

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